Ich werde sterben

Heute habe ich es erfahren, gewusst habe ich es schon lange, dass ich irgendwann sterben werde. Seit heute habe ich die Gewissheit. Mit Erstaunen stelle ich fest dass ich nicht entsetzt und tief betroffen reagiert habe auf die Nachricht sondern mit pulsierender Lebendigkeit. Seit ich nicht nur weiß dass ich sterben werde, seit ich die Gewissheit habe und es spüren und schmecken kann, bin ich erst lebendig geworden. Mein Gott, wieviele Jahre habe ich geschlafen und geträumt. Vor lauter Angst vor dem Tod nicht einmal daran zu Denken gewagt. Vor Jahren als ich erfuhr das ein Freund von mir sterben wird, war ich tief bestürzt, zutiefst betroffen. Mitleid mit dem frühen Tod des Freundes hat mich erschüttert, wieviele Tränen habe ich vergossen. Doch irgendwann war es weit weg, der Alltagstrott ging weiter. Ich hatte jeden Gedanken an den Tod verdrängt, auch die Angst dass es irgendwann mich selbst treffen könnte oder wird. 
Mit welcher Selbstverständlichkeit und Arroganz wir uns immer wieder unsterblich machen. Den Tod weit von uns schieben als würden wir ewig leben. Denn hätte ich gewusst das ich sterben werde, mein Gott ich hätte nicht so viele Jahre vertan, vor mich hingeträumt und geschlafen. 

Wäre es mir bewusst gewesen dass ich sterben werde, hätte ich jeden Augenblick mit Achtsamkeit gelebt. Ich hätte jede Sekunde ein Freudenfest gefeiert, in der ich mich am Leben spüre, Lebendigkeit in jeder Lebensfaser. Was habe ich Zeit vertan, mein Hirn zermartert mit ach so schönen oder schrecklichen, jedoch längst vergangenen Erlebnissen. Was habe ich Stunden, Tage, Jahre damit verbracht mich mit meinen Zukunftsängsten zu beschäftigen, mit Dingen die nur in meinen Gedanken existierten. 
Jetzt, in dem Bewusstsein bald eine Handvoll Knochen zu sein und etwas Staub, zurück in dem ewigen Kreislauf der Natur, ist alles anders. So wie so viele Menschen vor mir seit tausenden von Jahren. Alle vermutlich mit den gleichen Ängsten, Nöten und Sorgen. Wie bedeutungslos plötzlich all die Probleme die mich plagten. Wie wichtig habe ich alles genommen, mich selbst und alles was mich die meiste Zeit meines Lebens beschäftigt hat. 
Welche Erleichterung, so bedeutungslos zu sein. Kein Selbstmitleid mehr, kein festklammern an Dinge die nicht wirklich existieren. Wie wunderschön den Morgentau, den Nebel der sich lichtet, die ersten Sonnenstrahlen am frühen Morgen, überall Lebendigkeit zu riechen und zu schmecken. Mein Gott wie blind war ich gewesen. Nur ständige Bewegung und Veränderung bedeutet Leben. Ich berühre zum ersten Mal mein Gesicht, betrachte meine Hände, schau mir selbst in die Augen, beginne zu weinen, vor Freude, voller Lebensfreude. 
Der Tod, zu sterben, macht mir keine Angst mehr. Jetzt erst weiß ich was es heißt, wer wirklich lebt, fürchtet nicht zu sterben. Den Tod vor Augen macht uns erst lebendig. Wie intensiv, unvorstellbar schön es ist, einfach zu leben. Ohne Gedanken über das was war oder sein wird, ohne erbärmliche Versuche mich einzumischen, klägliche Versuche zu manipulieren. 
Jetzt so kurz vor dem Tod ist mein Leben zum Freudenfest geworden, ich lebe – jetzt. 
Heute Nacht bin ich aufgewacht aus meinem Schlaf. Habe voller Bewusstsein diese Meditation durchlebt. Danach bin ich zittrig aufgestanden und weiß seitdem dass ich sterben werde. 
Entscheidend ist nicht ob heute oder Morgen, auch nicht ob mir die Gnade zuteil wird noch Jahre zu erleben. Ich weiß jetzt, entscheidend ist nur ob ich lebe oder jeden Tag aufs Neue, schlafend, träumend und ängstlich, jeden Gedanken an meinen Tod verdränge. 

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Über tukan

Wir ändern uns nicht durch Änderung unseres Verhalten, dies wäre wie Kleidung wechseln oder Möbelrücken. Veränderung braucht weder Anstrengung noch Gewalt. Solange wir von Lob und Wertschätzung abhängig sind, werden wir Menschen danach beurteilen, ob sie unsere Abhängigkeiten gefährden oder fördern. Die Wurzel allen Kummers ist das Verlangen. Verlangen trübt und zerstört die Wahrnehmung. Ängste und Wünsche verfolgen uns. einfach sein, leben und leben lassen, sich selbst beobachten ohne zu bewerten, achtsam und bewusst, lebendig und glücklich sein.
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Eine Antwort zu Ich werde sterben

  1. Marina Kaiser schreibt:

    Welch Hymne ans Leben und welch Tiefe im Bewusstsein unserer körperlichen Endlichkeit.
    Ich danke dir von Herzen.
    Diese Worte erINnern mich ans Wesentliche.
    Einen weiterhin Lebens-frohen Tag wünscht dir mit lieben Grüßen
    Marina

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