Das Spiel unserer Gedanken

Überall begegnet uns das Wort – Loslassen –
Die Regale in den Buchläden Quellen über davon.
In der Werbung hat der Begriff längst Einzug gehalten.
Die Gedanken des Alltags loslassen und die Seele baumeln lassen.
Ob ein süffiges Bier, die neueste Luxuskarosse oder der Urlaub.
Selbst Schmerzcremes und Waschmittel helfen uns dabei. Wir müssen nur der Werbung vertrauen.

Kaum jemand hat es noch nicht versucht.
Von der Schreitherapie, und Lachmeditation bis zu tagelangem still sitzen für viele quälende Stunden. Exzessives Tanzen oder einfache Stille in der nur noch das ticken der Zeit oder unser eigener Herzschlag zu hören ist. Lautes Musikhören, sportlich auspowern oder beides zusammen. Walken, joggen, laufen bis hin zu den verrücktesten Sportarten mit Adrenalinkicks pur.
All dies hat uns irgendwie gut getan oder zumindest geholfen uns abzulenken, für einen Moment auszusteigen aus dem Alltag. Unsere Gedanken sind mit unterschiedlichen Erfolg stressfreier, weniger geworden oder auch mehr, weil wir zum ersten Mal bewusst darauf geachtet haben, was in unserem Kopf so alles vor sich geht.

Doch früher als uns lieb war und ist, hat der Alltag uns wieder eingeholt. Haben wir gelernt etwas mehr auf uns zu achten? Schneller als uns lieb ist merken wir, dass unser Verstand, unsere Gedanken, zuverlässiger als jedes Uhrwerk, Tag und Nacht am arbeiten sind.

Ein Aufenthalt im Kloster vielleicht? Ein oder mehrere Seminare, Live-Coaching, Workshop, Channeling, Rückführung zum Kind, Wahrsagen oder Energiearbeit. Von der Encounterarbeit, der Selbsterfahrungsgruppe bis zum Wassertank in Dunkelheit. Es gibt unzählige, zum Teil wundervolle Möglichkeiten spirituelle und energetische, heilsame, gesund oder fit machende Erfolge, Erlebnisse und Erfahrungen zu machen. Was bei all dem jedoch wiederkehrt und bleibt ist unser Alltag und der Strom unserer Gedanken.

Wir können mit allen möglichen Tricks und Hilfsmitteln den Strom unserer Gedanken vielleicht kanalisieren, filtern oder versuchen ihn auszutricksen, doch es ist wie verhext. Unsere Gedanken folgen oder verfolgen uns beständig und unaufhörlich.

Solange wir zufrieden sind stört uns das nicht weiter, doch wehe unser Körper spielt verrückt oder unsere Gefühle scheinen uns das Herz zu zerreißen. Sofort ist er da unser Verstand, zeigt uns, wer hier das sagen hat. Doch auch die von uns unbemerkten Gedanken führen und leiten unser tun, lenken, leiten und manipulieren selbst unsere Gefühle. Selten zu unserem Wohl, zu unserem Glück oder unserer Zufriedenheit.

Längst haben wir als spirituelle Menschen erkannt, Achtsamkeit und Bewusstheit ist die Lösung. Doch wie kann dies in all den unterschiedlichen Situationen des Alltags gelingen? Es ist wie verhext. Suchen wir etwas weil wir es verloren haben, finden wir es nicht. Wollen wir etwas loswerden scheint es um so mehr an uns zu kleben. Liegt hierin die Lösung? Weil wir versuchen etwas zu erreichen indem wir uns einmischen, es unbedingt haben oder loslassen wollen?

Schuster bleib bei deinen Leisten ist alter weiser Spruch, den viele von uns schon garnicht mehr kennen. Er sagt uns das wir uns auf das beschränken sollen was wir können, das tun sollen wozu wir fähig sind. Was wir tun können ist unseren Horizont zu erweitern, unsere Sichtweise und unsere Haltung zu betrachten. Meist reicht eine Veränderung unsere Perspektive um zu einem AHA – Erlebnis zu kommen. Fahren wir bei regnerischem und neblig-kaltem Wetter durch die schönste Gegend kommt sie uns oft unwirtlich und trostlos vor. Scheint jedoch die Sonne sind wir fasziniert und zufrieden, selbst wenn wir durch eine triste Landschaft fahren. Unsere Sichtweise und unsere Haltung ändert wesentlich unsere Wahrnehmung und unser Erleben.

Trotz alledem ob wir wollen oder nicht, fliegen und fließen unsere Gedanken. Eine Quelle entspringt, wird vom kleinen Bach zum Fluss und irgendwann zum reisenden Strom. Wir sind ständig damit beschäftigt Dämme zu bauen, den Flusslauf zu begrenzen, was uns schier überfordert wenn unser Gedankenfluss zum reißenden Strom geworden ist. Sind wir gar so verwegen, den Strom aufhalten zu wollen kommt es, wenn uns dies überhaupt gelingt, kurzfristig zu einer vermeintlichen Stille.

Doch schon die Stille allein ist für uns kaum zu ertragen. Kleinste Geräusche reichen aus, den Strom der Gedanken wieder in Gang zu setzen. Alle mühsam errichteten Dämme brechen weg und fast erleichtert finden wir uns wieder als Fährmann auf unserem reisenden Strom unserer Gedanken. Hier haben wir gelernt uns zurecht zu finden, hier fühlen wir uns zu Hause, können jonglieren, manipulieren, hin und her wenden, und uns im Kreise drehen. Hier haben wir zumindest zeitweise das Gefühl mitbestimmen zu dürfen. Wären da nicht unsere manipulierbaren Gefühle wäre fast alles gut. Erhalten wir Lob für unser schickes Kleid, Hemd oder unsere neue Brille fühlen wir uns gut. Werden wir kritisiert oder gar beschimpft fühlen wir uns schrecklich. Andere Menschen erhalten so durch unsere Eitelkeit und unser lechzen nach Anerkennung, Bestätigung und Lob, Macht über uns. Selbst uns fremde Menschen bestimmen über das was und wie wir uns fühlen und denken.

Doch zurück zu unseren mühsam errichteten Dämmen, dem reißenden Strom unser Gedanken. Wir wissen unsere Wahrnehmung und unser Empfinden hat wesentlichen Anteil daran, was, wie und wie intensiv wir uns mit unseren, Gedanken verrennen, verharken und im Kreise drehen. Wir wissen auch, nicht nur unsere Gefühle, sondern jedes Geräusch, jeder Mensch kann unser Denken manipulieren. Auch wenn wir es nicht merken, entfernen wir uns so von uns selbst, verlieren uns selbst, übernehmen Meinungen und Haltungen, werden uns selbst fremd. Wir lernen zu spielen, uns selbst und andere zu manipulieren, so gut es uns gelingt natürlich in unserem Sinne. Bei all den vielen Rollen die wir anfangs noch zu überblicken scheinen verlieren wir bald den Überblick. Wer sind wir wirklich?

Längst haben wir gelernt, so, wie fremde Menschen unseren Gedankenstrom manipulieren und lenken können, können wir dies auch. Wir nutzen ein Vielzahl von Hilfsmitteln und Krücken dazu. Ablenkung, Action, ausgewählten Genuss erlesener Speisen und Getränke, gedämpfte Musik, Kommunikation mit ausgewählten Menschen. Viel zu kurz empfinden wir meist die Zeit, in der wir dem Alltag entfliehen dürfen. All zu oft werden wir dabei von unseren Empfindlichkeiten und unserer Abhängigkeit vom Wohlwollen anderer Menschen, gestört oder völlig aus der Bahn geworfen.

Gedanken und Gefühle sind ineinander verwoben, bedingen sich gegenseitig. Wir haben uns abhängig gemacht, sind süchtig nach Bestätigung, Anerkennung und Lob. Wir lechzen und gieren nach Macht, Kontrolle und Erfolg, nach Liebe und Erfüllung unsere Wünsche und Bedürfnisse. Dazu brauchen wir jedoch Menschen von deren Wohlwollen wir dadurch abhängig geworden sind, und zugleich süchtig. Menschen die ähnlich, ja genauso wie wir, sich selbst fremd geworden sind. Menschen die Rollen spielend ihr Leben leben, so wie wir. Menschen die Glück und Zufriedenheit suchen wo sie es niemals finden werden. Da es so viele Menschen sind, glauben wir fest daran, dass nur dies der Weg sein kann. Es ist der Weg sich die meiste Zeit hilflos im Kreise zu drehen und zu wiederholen.

Es ist nicht leicht sich zu lösen von all den lebenslange antrainierten Verhaltensweisen, Einstellungen, Sichtweisen, Haltungen und all unserer Sucht nach Befriedigung unserer so oft fehlgeleiteten Wünsche und Bedürfnisse. Bedürfnisse und Wünsche die kompensieren sollen, was uns versagt zu sein scheint. Liebe, Glück, Zufriedenheit und Mitgefühl.

Wenn wir mutig genug sind all alles in Frage zu stellen, wirklich Willens und bereit dazu, loszulassen was uns nur leblos und unzufrieden macht. Wenn wir wirklich glücklich sein wollen, voller Liebe und Zufriedenheit leben wollen, müssen wir nicht all die Energien aufbringen die wir investieren, in der Außenwelt zu suchen. Hören wir auf zu jammern über die böse Welt und all das Leid, das wir gemeinsam mit den Anderen erst möglich machen. Sind wir wirklich bereit ein Leben lang jeden Tag aufs Neue zu lernen, wird uns bald ein Gefühl der Lebendigkeit und Leichtigkeit durchströmen.

Verwenden wir einen Bruchteil unserer so reichlich und verschwenderisch investierten Energie in die Suche außerhalb von uns, für uns selbst, für den Kontakt zu uns selbst. Bald schon wird unsere Achtsamkeit, unser Bereitschaft zur Selbstbeobachtung, unser nicht einmischen, unser nicht versuchen zu manipulieren und schön zu reden, erste Früchte tragen.

Wenn wir lernen uns anzunehmen und zu akzeptieren, voller Zartheit, Verständnis und Mitgefühl, werden sich unsere Gefühle immer weniger in die Irre führen oder manipulieren lassen. Leid und Schmerz werden uns Hilfe sein unser Glück zu genießen. Unser Elend wird von ganz allein zu Ende sein. Wir lernen mehr und mehr uns nicht mehr festzuhalten, weder am Glücksgefühl noch an unserem Leid und Elend.

Es geht nicht darum etwas gut oder schlecht zu finden, das sind Reaktionen unseres begrenzten Verstandes. Wenn wir wirklich begreifen, annehmen und verstehen, spüren wir dies im selben Moment überall in uns. Es durchflutet unseren Körper, Tränen der Freude und des Schmerzes innerhalb von Bruchteilen von Sekunden. Selbst dann braucht es unsere Entscheidung. Es braucht die Entscheidung zu leben was wir erkannt und begriffen haben. Wir müssen lernen uns zu erinnern, in all den vielen Rollen, Situationen und Momenten des Alltags. Achtsam in den kleinen Dingen und immer wieder aufs Neue, auch in den emotional tiefergehenden Augenblicken. Unser tragendes Fundament wird die immer liebevollere Beziehung zu uns selbst sein.

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Über tukan

Wir ändern uns nicht durch Änderung unseres Verhalten, dies wäre wie Kleidung wechseln oder Möbelrücken. Veränderung braucht weder Anstrengung noch Gewalt. Solange wir von Lob und Wertschätzung abhängig sind, werden wir Menschen danach beurteilen, ob sie unsere Abhängigkeiten gefährden oder fördern. Die Wurzel allen Kummers ist das Verlangen. Verlangen trübt und zerstört die Wahrnehmung. Ängste und Wünsche verfolgen uns. einfach sein, leben und leben lassen, sich selbst beobachten ohne zu bewerten, achtsam und bewusst, lebendig und glücklich sein.
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