Grenzen überschreiten

Wir alle sind der Meinung wir weisen zurecht darauf hin wenn jemand unsere Grenzen überschreitet. Viele setzen ein klares Stop, soweit und keinen Schritt mehr. Die Aufopferungsvollen unter uns lassen ständig zu dass ihre Grenzen überschritten werden, leiden sehr darunter, nehmen hin solange es irgendwie geht. Die resoluten setzen nicht nur klare Grenzen sondern schlagen um es zu verdeutlichen zurück. Auge um Auge, Zahn um Zahn, manchmal auch lieber zwei statt einen. Schließlich müssen wir unserer Wut Ausdruck verleihen. Selbst in der Bibel steht es doch geschrieben. Die Bibel möchte ich für den Moment beiseite lassen, denn die Symbolik zu verstehen werde ich gerne ein andermal betrachten.

Klar und deutlich sind wir alle der Überzeugung Grenzüberschreitung sei einfach nicht in Ordnung.
Bei genauer Betrachtung wird für uns jedoch nicht nur interessantes sondern entscheidend wichtiges für uns sichtbar. Jeder von uns hat seine eigene Grenze. Es ist bei oberflächlicher Betrachtung unmöglich zu definieren wo die Grenze übergreifend für alle eindeutig sichtbar ist. Wieder einmal können wir nicht mit Worten und Gedanken sondern nur durch Achtsamkeit erahnen wann die individuelle Grenze eines Menschen überschritten wird. Besonders deshalb weil es nie die gleiche Grenze wie die eigene ist. Mit unserem Verstand gehen wir immer von uns selbst aus, was uns zu viel wäre oder wir für uns noch in Ordnung finden. Und schon wäre eine für alle Seiten zufriedenstellende Diskussion um klare Grenzen zum scheitern verurteilt. Zumindest dann wenn wir mit Begriffen und Definition Klarheit erreichen wollen.

Eine gesellschaftliche Klärung durch Regeln und Gesetze hilft uns hier nur um Auswüchse im Umgang mit Grenzüberschreitung einzudämmen.

Wenn wir den anderen genau kennen würden, könnten wir sehen, vorausgesetzt wir achten darauf, wann seine Grenze überschritten wird. Wieder wäre unsere Achtsamkeit eine hilfreiche Option.

Was uns hindert dies zu tun ist an erster Stelle unsere eigene Betroffenheit. In der Theorie haben wir vielleicht längst verstanden dass wir uns nur selbst, durch unsere Art der Betrachtung und Bewertung, verletzen können. Im Zustand emotionaler Betroffenheit hilft uns dies jedoch nichts.
Wir wollen garnicht achtsam oder behutsam miteinander umgehen. Wir sind meist davon überzeugt wenn wir uns angegriffen oder verletzt fühlen sind wir im Recht. Ja manche sind davon überzeugt der einzige Weg ist es zurückzuschlagen. Da jeder seine eigene Grenze hat, ist selbst oberflächlich betrachtet klar, was passieren muss. Ein endloser Kampf bei dem einer der beiden Kontrahenten sich sicher ist, mehr verletzt worden zu sein, wo er doch nur klare Grenzen zeigen wollte.

Wir sehen auch im Kampf ist Ausweglosigkeit unseres anfänglichen Unterfangens, wir wollten ja eigentlich nur Grenzen klären, hinweisen oder beschwichtigen. nur durch achtsames und behutsames Handeln aufzulösen.

Besonders tragisch dabei ist, dass wir nichts zu lösen vermögen oder zu beenden, mit dem manchmal weisen Spruch, der Klügere gibt nach. Auch nicht durch Opfer bringen und erst recht nicht durch das übliche Ende eines Kampfes, nur einer kann gewinnen. In allen Fällen bleiben sichtbar oder nicht, für beide Kontrahenten die Bauchschmerzen und der Kloß im Hals, die vielen Tränen und der Schmerz, nur für bestimmte Zeit bestehen. Was uns eigentlich am glücklich sein hindert, sind die daraus entstehenden Knoten in unserer Seele. Durch jede Wiederholung werden sie stärker, ziehen sich fester zusammen. Ständig und immer wieder sind wir beschäftigt mit unserer Erinnerung. Immer wieder aufs Neue wiederholt sich das gleiche Spiel. Kein Wunder also das wir uns innerlich zu schützen versuchen, verbarrikadieren und beginnen uns in unserem Masken und Rollenspiel zu verlieren.

Ein Gedanke noch der mir wichtig dabei erscheint. Durch unser Verhalten wird immer wieder sichtbar und deutlich, wenn wir bereit sind hinzuschauen, dass wir eigentlich uns nicht verändern wollen, wir wollen garnicht lernen. So tragisch es klingen mag. Was uns zufrieden stellt ist, wenn wir unser Spielzeug zurück erhalten. Unsere Masken und unser Rollenspiel. Wir sind auf Selbstschutz programmiert. Wir haben längst aufgegeben daran zu glauben, dass ein glückliches Leben möglich ist. Wir sind mit dem kümmerlichen Rest zufrieden, mit unserer Erinnerung an schöne Dinge, unseren Träumen von schönen Dingen, unserer Flucht in Vorstellung und Illusion. Wenn uns alles gefährdet erscheint gelingt uns manchmal noch die Flucht zur Hoffnung. Wenn wir beim Therapeuten sind wollen und erhalten wir nichts anderes als unser Spielzeug zurück. Woher sollten die meisten Ärzte und Therapeuten auch wissen, was sie selbst und auch wir nicht wirklich wissen. Ganz tief im Innern von jedem von uns schlummert der innige Wunsch nach Liebe, Zärtlichkeit, Geborgenheit, nach Mitgefühl, Zufriedenheit und Glück.

So vieles ist uns theoretisch schon klar geworden es jedoch umzusetzen und zu leben ist ganz und gar etwas anderes. Dazu müssten wir lernen das was wir wissen im richtigen Augenblick präsent zu haben.

Voraussetzung dafür ist dass wir es wirklich wollen. Dies bedeutet wiederum das wir unseren Wunsch all das zu behalten was wir vermeintlich an sinnvollen und brauchbaren Dingen schon erreicht und für hilfreich befunden haben, in Frage stellen. Wir müssen immer wieder überprüfen ob wir all diese Krücken, all diesen Ballast den wir mit uns herum tragen noch in diesem Umfang benötigen. Wie wollen wir sonst erkennen was Spiel und Rolle in unserem Leben sind. Solange wir uns selbst nicht zu 100% leben können, jeden Augenblick zu 100% glücklich sind, müssen wir uns beständig verändern, prüfen und lernen. Wir müssen vor allem die ehrliche, echte Bereitschaft entwickeln uns zu verändern. Nicht in unserer Seele, nicht in unserem tiefsten Inneren, jedoch in unserem oberflächlichen Sein.

Zurück zu unserem Spiel mit Grenzen umzugehen. Veränderung ist nur möglich wenn wir bereit sind ständig und immer wieder an unsere Grenzen zu gehen, lernen sie zu überschreiten. Solange dürfen wir üben und lernen bis sich alle Grenzen auflösen. Wenn wir uns immer wieder aus Angst in Grabenkämpfe verlieren, werden wir da stehen bleiben wo wir sind, egal was wir verstanden und scheinbar begriffen haben.

Jegliche Grenzüberschreitung bietet uns die Chance auf einen Lernprozess und somit auf Veränderung. Es liegt niemals an den anderen Menschen, auch nicht an deren Bosheit und Heftigkeit der Verletzung die wir empfinden. Es liegt erstmal zuerst allein an uns, uns nicht zu verbarrikadieren und schützen zu wollen durch unser Versteckspiel vor uns selbst.

Der beste Schutz für uns und gleichzeitig die Möglichkeit zu lernen und uns zu verändern ist Behutsamkeit und Achtsamkeit für uns selbst zu entwickeln, für unser Handeln, unsere Wahrnehmung und unsere Betrachtung. Der richtige Umgang mit unseren Mitmenschen, Liebe und Mitgefühl zu leben kommt dabei von ganz allein. Wir müssen uns nicht darum kümmern. Unsere Sicht auf die Umwelt, Natur, Lebewesen und die Betrachtung von Freund und Feind wird sich von ganz alleine verändern. Erst wenn wir nicht nur den bösen Nachbarn verstehen sondern unseren vermeintlich schlimmsten Feind. Wenn wir nachvollziehen können wie wir selbst uns verirrt haben und was es bedeutet uns daraus zu befreien können wir jeden Mörder, Vergewaltiger und Terroristen verstehen, sehen wie und warum er so geworden ist. Erst dann haben wir die Chance das Böse in uns selbst und jedem anderen Menschen zu wandeln in Liebe. Solange wir selbst glauben kämpfen zu müssen, zu gewinnen und zu siegen, wird die Welt wie seit tausenden von Jahren weiter so bestehen bleiben, auch unsere eigene Welt und Lebensweise.
Amen 🙏
Meine Tränen fließen in diesem Moment unaufhörlich,
doch ich bin voller Zuversicht und weiß,
im nächsten Augenblick wandeln sie sich
in Freude und Licht
in Liebe und Mitgefühl

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Über tukan

Wir ändern uns nicht durch Änderung unseres Verhalten, dies wäre wie Kleidung wechseln oder Möbelrücken. Veränderung braucht weder Anstrengung noch Gewalt. Solange wir von Lob und Wertschätzung abhängig sind, werden wir Menschen danach beurteilen, ob sie unsere Abhängigkeiten gefährden oder fördern. Die Wurzel allen Kummers ist das Verlangen. Verlangen trübt und zerstört die Wahrnehmung. Ängste und Wünsche verfolgen uns. einfach sein, leben und leben lassen, sich selbst beobachten ohne zu bewerten, achtsam und bewusst, lebendig und glücklich sein.
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